ich, der „schmerzensmann“

komm lass uns uns in der meta-ebene verheddern!
bei dem manifest von nina pauer gegen gefühlsduselige hipster-männer fühlte ich mich stellenweise schon ein wenig ertappt. ich pflege zwar weder bart noch gitarre, aber vieles trifft durchaus auf mich zu, den leidlich „jungen mann von heute“ (bis auf das mit den diäten):

Er achtet auf sich, ist höflich, lieb, immer gepflegt und gewaschen, benutzt Parfums und Cremes, macht Diäten und hört wunderbar melancholische Mädchenmusik.

mit anderen worten: schwul? so ein absatz klingt so, als wäre die homophobie die bevorstehende pointe.
melancholische mädchenmusikhöre ich wohl. mit manowar und zz top kann ich nicht dienen.
aber wie könnte ich auch anders? teenager war ich in den neunzigern und da sang ian brown mit den „stone roses“ semi-pseudo-weibisch „i wanna be adored“ und kurt cobain schoss sich wegen courtney den kopf weg. selfdestruction war damals auch bei den „nine inch nails“ ein akt der schönheit. trent reznor sang zwar auch „i wanna fuck you like an animal“ (closer), doch auch das war mehr als selbstgeißelung als als absichtserklärung zu verstehen.
mittlerweile denke ich angesichts pauer, daß ich mich nicht nur auf der „metaebene verzettelt“ habe, wie sie der „jungmännlichen identitätskrise“ unterstellt, sondern daß ich vielleicht einem selbstverständnis anhänge, das derzeit von einem backlash überrollt wird. wäre „metrosexuell“ eine masche gewesen, wäre sie laut pauer nicht mehr populär.

julia seeliger sieht pauers wunsch nach harten männern aus einem ganz anderen blickwinkel:

Ein Mann kann gar nicht zu lange nachdenken, ob er eine Frau „einfach küssen“ kann. Einfach küssen ohne vorher zu fragen ist reichlich uncool, egal, wer da wen küsst. […]
Mir ist es mal passiert, dass mich einer einfach versuchte zu küssen. Daraufhin habe ich „Nein“ gesagt, mich schlafen gelegt und die Person danach nie wieder getroffen.

so prallen welten zusammen. und die jeweilige haltung zu kontrollierbaren oder eben nicht kontrollierbaren sexuellen gelüsten kann ich beiderseits nachvollziehen.
auch auf julias facebook-seite entwickelte sich eine kleine diskussion, dort schrieb ich u.a.:

und dass ich stets einen starken arm haben muss finde ich so sinnig wie daß ich an des weibes brüsten nuckeln zu dürfen habe. in einer dauerhaften beziehung möchte ich als mensch gerne auch eine angenehme und dadurch indirekt selbstversichernde konstante darstellen. aber obwohl ich bier trinke und ein paar haare auf der brust habe, fühle ich mich dabei eher als dissi als als erfüller eines bestimmten rollenbildes. im übrigen kommt keine erklärung einer emanzipation von solchen (rollenbildern) ohne aus, die gleichen als bezugsrahmen zu bemühen: so müssen sich männer etwa auf ihre vermeintliche feminine seite berufen, wenn sie lediglich meinen, das gleiche recht zu haben auf… zb erobertwerden, pathos und nachsinnieren… statt zb fussball, sportschau und rammstein.
der backlash jedenfalls ist ein akt der bequemlichkeit, wie oliver zurecht sinngemäß sagte.

dass bauklotzdenken, ob aufgrund vermeintlicher biologistischer determinierung oder archaischen grundüberzeugungen, eine massenhaft medial multiplizierte semi-selbstverständlichkeit ist für viele, ist klar. und kurzfristig funktioniert das ja auch: waschbrettbauch und riesenbrüste haben auf das jeweilige zielpublikum erwartbare effekte.
natürlich aber spielen sich menschliche beziehungen nicht nur in den von pauer ominös ins spiel gebrachten „dunklen großstadtbars“ ab. wäre es so, liefen die beteiligten in der tat gefahr, dort eine unentwegte wiederholung des althergebrachten zu erleben. dafür eignen sich auch swingerclubs und dergleichen.
was bequemlichkeit unter diesen umständen bedeutet, hat sich richard kämmerlings auf welt.de überlegt:

Frauen, das zeigt die Klage Nina Pauers, stecken offensichtlich endlich im gleichen Dilemma, das wir Männer seit der Pubertät durchlitten: woher die letzte Gewissheit nehmen, dass das Gegenüber wirklich will und nicht bloß ein Maybe ist? Da die aber nie zu erlangen ist, solange eindeutige „Moves“ fehlen, müsste eben jetzt die Frau den ersten Schritt machen, wozu ja in der Regel ein etwas zu tiefer Blick oder ein zartes Antippen ausreicht.
Bleibt das Restrisiko der Zurückweisung, der GAU. Also sollen sich, Emanzipation hin oder her, den Korb bitte weiterhin die Männer holen.

es ist manchmal wunderschön, die andersgeschlechtlichen attribute des gegenübers als heterosexuelle(r) anzugeilen. aber das gegenüber auf ein rollenbild dessen zu reduzieren, ist in jede richtung sexismus und über dessen auswüchse weiß christiane ketteler in der „jungle world“:

Wenn junge Männer heute ausnahmslos so sensibel und reflektiert wären, wie es in der jüngsten Debatte behauptet wird, würde es einem Mario Barth sicher nicht gelingen, das Berliner Olympiastadion zu füllen, wo er seine Zoten über die Unterschiede von Mann und Frau zum Besten geben kann.

cora stephan stellt sich in der nzz derweil rhetorische fragen, die niemandem helfen:

Ist es die Freiheit, die dem Glück im Wege steht, die Freiheit in der globalisierten Welt, aus einer unendlichen Vielzahl von Möglichkeiten zu wählen, weshalb er sich nicht entscheiden kann?

als entscheide die globalisierung letztlich, ob martin nora in den golf gti mitnimmt.
immerhin warnt stephan:

Die romantische Liebe ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts, eine Wahnvorstellung […]

letztlich rät sie zu älteren frauen, denn die „haben dafür aber noch immer Freude am Mann, manchmal sogar an melancholischen Pullover-Trägern, die Mädchenmusik mögen.


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  • 26 Jan 2012, 21:56
    by someone


    30 Jan 2012, 23:58
    by dissi


    comment:

    kürzlich drängte sich mir der gedanke auf, daß eventuell mehrere menschen männlichen geschlechts ihrerseits klammheimlich und zum teil eventuell unbewusst eine emanzipation vollzogen haben, die nun als irritierend empfunden und mit defizitorientierten schlussfolgerungen belegt wird, zumal sie selten als heldentat postuliert worden ist. man(n) ist nicht immer zwangsläufig im falschen körper, wenn man(n) traditiertes für unerträglich hält.
    ungefähr im vorort dieser einschätzung sind seeliger & stokowski in der taz.

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