sex in the city. 2. virtueller sex-kapitalismus

der blöde spruch über suchende, die gerade wegen der hysterischen suche nichts finden werden, ist leider wahr.
es sei denn, es werden gleich die hände einer professionellen dienstleistung in anspruch genommen. partnersuche im internet.
dann erscheint “fuck the pain away” vielleicht wenigstens als option.
und ein weiterer vorteil ist, man(n) muß sich in solchen “communities” nicht als widerwärtiger sexist fühlen, wie einer, der in irgendwelchen diskotheken mit eindeutiger absicht frauen anbaggert.
ob jemand ein sexist ist, spielt in solchen virtuellen etablissements wohl in der regel keine rolle. diskussionswürdige themen der netiquette sind eher die frage, ob männer fotos ihrer primären geschlechtsorgane in ihren mitgliedsprofilen zur schau stellen müssen.
einige frauen machen das dort auch oder halten zumindest ihren hintern in die kamera oder tragen relativ unmißverständlich zweideutige namen.
aber auch männer haben wesentlich bessere chancen auf viele kontakte, wenn beweisfotos dokumentieren, daß da nicht das klischee des bierbäuchigen trolls, sondern vielleicht eines durchtrainierten waschbretts schreibt.
das ist sex-kapitalismus und hort des lookism.
es gibt kaum einen anderen ort, an dem die theorien von michel houellebecq über die “ausweitung der kampfzone“, des kapitalistischen konkurrenzkampfes von individuen auf dem markt der sexuellen eitelkeiten, so konzentriert bewahrheitet werden wie hier. (außer vielleicht auf den von houellebecq so gerne in den mittelpunkt gestellten pauschaltourismus-exzessen)

die schmale grenze zur unappetitlichkeit

die schmale grenze zur unappetitlichkeit muß jeder mensch für sich selbst definieren. sie kann gesetzt werden etwa bei der auswahl von pornographie.
es gibt erfreulicherweise immer mehr männer, die sich von traditionell frauenfeindlich-primitiven pornoklischees nicht mehr erregen lassen. da müssen neue klischees her. etwa im “alt-porn“, wo gepiercte bisexuelle deutlich mehr spaß haben als die professionellen sexarbeiterInnen im hässlichen standardporno.
letztlich geht es dabei doch für den betrachter oder die betrachterin um die geilheit auf reale anteilnahme an realer geilheit, statt auf ein albernes schauspiel inklusive althergebrachter geschlechtsspezifischer rollenverteilung von dominanz und unterwerfung.
auch in der realität mag so mancher durchaus von irgendwelchen wilden gruppensex-orgien träumen, aber niemals einen schritt in “gerda’s sauna-oase” an der nächsten autobahnausfahrt setzen wollen.

so selektiv muß auch in einem virtuellen “club”, ich nenne das online-angebot ab hier nur noch “club” oder “der club”, vorgegangen werden.

eine enttäuschende erfahrung macht jedes club-mitglied gleich zu beginn, wenn es gilt, sich selber in das raster zu pressen. denn was sind hier all die positiven zuschreibungen wert, die eventuell durch andere an das selbst herangetragen wurden? die sich vielleicht auf die besonderheit des individuums, die unverwechselbarkeit des charakters, den wert einer freundschaft oder dergleichen bezogen haben? relativ wenig. denn die lassen sich schwer oder gar nicht in so ein “clubprofil” übersetzen.
vorteilhafter und einfacher wären knackarsch und athletischer oberkörper. dann reichen ein paar allgemeinplätze als text und das war’s.
ansonsten ist es eventuell etwas schwieriger, einen werbetext für sich selbst zu schreiben, der irgendwie unter den vielen töpfen ohne deckel oder fischen ohne fahrrad hervorsticht.

wenig distinktionsgewinn verspricht auch der multiple choice-fragebogen zum ankreuzen “erotischer vorlieben“: macht ein reichhaltiges warenangebot am meisten eindruck oder eher eine stimmige zusammenstellung? wird das angekreuzt, was zu bieten ist oder was insgeheim gewünscht wird? am besten beides.
die auswahl geht von “normal sex” und “kuschel sex” über “harter sex” zu “fisting“, “oral sex” und “anal sex“.
eine große rolle spielt auch die frage, wie hälst du es mit bdsm? “natursekt“, “fetisch” und “bondage” sind ankreuzbar, in anderen kategorien auch “gruppensex“, “rollenspiele” und “intimrasur“.

all diese klickbaren mutmaßlichen persönlichkeitsmerkmale machen durchaus sinn hier, denn suchende nach der großen liebe sind vermutlich deutlich in der minderheit.
die meisten mitglieder sind viel praktischer veranlagt.
paare suchen temporäre ergänzung, frauen verschiedenen alters suchen explizit einen one-night-stand und können dank männerüberschuss durchaus wählerisch sein.

viele menschen haben stylishe inszenierungen als profilfoto. manche lichten ausgesuchte körperteile ab oder achten darauf, sich selbst in gänze auf dem bild lasziv in szene zu setzen.

die suchfunktion der website ist darauf angelegt, nach sexuellen kriterien zu filtern, nicht etwa nach sternzeichen oder gemeinsamen hobbys.

männer müssen dafür geld bezahlen. eine “premium-mitgliedschaft” kostet 24,90 euro. wer 6 monate im voraus bucht, zahlt bloß 89,40 euro.
dazu kommen noch kosten für die altersüberprüfung.
aber immerhin: wer dort nach frauen sucht, die “männer suchen“, bekommt mehr treffer, als die anzeige darstellen kann. ein teil davon sind professionelle dienstleisterinnen, angebliche “hobbyhuren“. aber der wesentlich größere teil sind frauen, die nach irgendwas online suchen, warum auch immer.

beim durchklicken wird klar, da sind menschen unterwegs, die sich schon vor längerer zeit entschlossen haben, eine form der sexualität zu wählen, die gegebenenfalls den ärger mit naiven beziehungsanbahnungen erspart. zu sehen sind frauen weit jenseits der 40, die “fsk-18-bilder” posten.

der große trend auf der website ist sowieso eindeutig “s/m“. eigene foren begleiten theorie und praxis. sehr erfolgreiche threads behandeln u.a. topics wie “abbinden“, “gewichte und klemmen“, “hoden-bandage” und “befriedigung durch schläge“.

ein subjektives urteil zum dort merkwürdig pragmatisch erscheinenden s/m-betätigungsfeld habe ich gar nicht. aber es fällt auf, daß ein blick auf die vermuteten online in pseudo-anonymität formulierten wünsche und phantasien sehr schnell bei der diskussion einer praxis endet, die auch gerne als selbsthass und selbstbestrafung interpretiert wird.
50jährige damen im lack-und-leder-outfit mit hilfsmittel im hintern dürften sehr wohl um ihre differenz zum vom mainstream favorisierten schönheitsideal wissen. ist ihre virtuelle selbstvermarktung als mutmaßliches spielzeug, daß sich bereits im voraus mit symbolen der unterwerfung zur machtdemonstration darbietet, eine reaktion darauf? oder folge ich mit so einer interpretation alice schwarzers unangebrachtem protektionismus versus freigeistiger spielarten für alle altersgruppen?

ich, der sexistische konsument, schränke meine suche aber nach eigenen neigungen ein und suche nach “frauen, die zwischen 20-30 jahre alt” sind und “männer suchen“.

das alleine hat allerdings wenig aussage. stecken da menschen unter all den titten und ärschen? eine verabredung sollte nicht nur 60 min. dauern und dürfte sich durchaus zu einer serie entwickeln.

hinweise zur selektion unter den suchergebnissen sind ausschließlich username, profilfoto und kalenderspruch, der als einzeiler unter dem namen steht. wer keinen parat hatte, durfte aus vorgefertigten sprüchen wählen.
die redaktion des “clubs” schlägt vor: “man muss sich selbst lieben um andere glücklich zu machen“, “die schönheit liegt im auge des betrachters“, “sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird“, “ob man eine grenze überschreitet, hängt davon ab, wo man sie zieht“, “lebe, wenn nicht jetzt, wann dann?”, “männer haben das feuer erfunden – frauen wie man damit spielt“, “jeder tag ohne sex ist ein verlorener tag” usw.
der “text wizard” hat eine erstaunlich umfangreiche sammlung aus binsenweisheiten, erweckungssprüchlein und sexuellem imperativ, am besten finde ich aber:
ein flirt ist wie eine tablette, niemand kann die nebenwirkungen voraussagen

diverse sprüche sind besonders beliebt:
Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß, ob sie wiederkommen. (O.Wilde)
oder “alles kann, nichts muß” oder grammatikalisch besonders sinnig und dazu noch eklig “Jeden das seine“.

die fotos zu den albernen sprüchen sehen etwa so aus:

jede/r teilnehmer/in darf seine/ihre “favoriten” speichern. meine favoriten sind die meiste zeit offline. eine davon sieht auf ihrem foto aus wie cat power:

dank diesem bild weiß ich jetzt, was ich eigentlich suche.
ich suche menschen, denen es gar nicht primär ums ficken geht.
ich suche menschen, in denen ich vielleicht auch meinen eigenen schmerz wiederfinden kann. wo dieser schmerz aber mehr schönheit als handicap ist.
schmerz durch einsamkeit, desorientierung, diffuse lust auf das leben, prägung aber durch enttäuschungen. experimentierfreudigkeit aber anspruch an das gegenüber, an ein maß von magie, verzauberung, begegnung, bedeutsamkeit. keine spekulation auf liebe als fußmatte zum heiligen haus der beziehung, aber durchaus temporäre verliebtheit als motor des ganzen.

so etwas zu finden ist schwierig. und es stellt sich heraus, daß so eine virtueller betrieb des gegenseitigen abcheckens sich dafür weniger eignet als für die kurzfristige anberaumung eines one-night-stands.

aber selbst das läuft viel verklemmter ab als vermutlich auf “gayromeo”. die vorsichtigkeit der weiblichen nutzerinnen ist allerdings verständlich.
die fotos sind das erste qualitative entscheidungsmerkmal. und ich habe da nachholbedarf, weil ich mich einerseits als nicht auf den ersten blick erkennbar zeigen lassen will, aber zweitens die wenigen vorteile, die mein gesicht zumindest mal früher hergab, als visuelles pheromon darbieten möchte.

die zweite hürde ist sicher der mehr oder weniger persönliche kontakt via “clubmail”.
in so ein paar zeilen trivialität lässt sich doch einiges lesen. wie hingehuscht eine antwort ist, wie viele rechtschreibfehler vorkommen und aus welchen mutmaßlichen gründen, mit welcher intensität auf smileys als gefühlsäußerung oder relativierung einer solchen zurückgegriffen wird. verspieltheit, zielstrebigkeit, verbindlichkeit, grad der sexualisierung des kontakts usw.

arg viele mails bekam ich nicht. es ist auch dort traditionell die aufgabe der männer, die initiative zu ergreifen. das mag auch an der unüberschaubarkeit des angebots liegen.

aber gerade, als ich es aufgeben wollte, meldete sich jemand sehr enthusiastisch bei mir.

das überraschte mich sehr, denn es handelte sich tatsächlich um eine person, die allein in der auswahl ihrer photos nach meinem eindruck einen enormen ästhetischen anspruch personifizierte.
ich nehme an, es ist schwierig, in einer solchen umgebung, den mittelweg zu finden zwischen reizvoller, gewissermaßen erfolgsversprechender darbietung und eher verhaltener, weniger anbiedernder ästhetik.
sie aber hatte das drauf. auf den fotos räkelte sie sich zwar auf einer couch, aber sie war angezogen. ihr blick war ernst, nicht wollüstig. sie war kein verträumtes schaf, aber auch niemand, der sich als verruchtes sexsymbol degradieren lassen möchte. ihr bleiches gesicht, ihre blauen augen, ihre roten haare, alles sehr eigentümlich und von einem gewissen zauber, der bereits für eine reine seele ohne sexuelle interessen vernehmbar wäre.

und sie schrieb auch toll. relativ kurze sätze, meistens scheinbar unter zeitdruck geschrieben, aber mit smileys, und wie ich schon sagte… spürbarem enthusiasmus. ihr vorschlag: eiskaffee trinken am prenzlauer berg. das kann ja nich so kompliziert sein.
wir haben uns verabredet…


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  • comment:

    […] Sex in the City. 1. Pathos und Magie Sex in the City. 2. Virtueller Sex-Kapitalismus […]

    24 Sep 2008, 19:35
    by Alex DeLarge


    comment:

    Ich bin mal Edward’s Empfehlung gefolgt…höre ich da ein ‘Fortsetzung Folgt’?

    24 Sep 2008, 20:07
    by dissi


    comment:

    danke für das interesse. ja, es gibt noch einen dritten und vierten teil. die werde ich demnächst auch noch hier veröffentlichen.

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