sex in the city. 1. pathos und magie

wer liebt, zweifelt an nichts mehr oder an allem” honore de balzac

dieser spruch steht in meinem aktuellen muskote-pack.
und die weisen sprüche des zigarettenpapiers tragen oft wahrheit in sich.

an nichts (ver)zweifeln

vielleicht spielt balzac auf das ur-vertrauen an, das eigentlich in erster linie säuglinge benötigen, um ein fundament des (selbst)vertrauens gegenüber der fremden oder gar feindlichen welt zu legen.
bei einer zweierbeziehung, die dieses magische element der vertrautheit und auch der,… so bausparvertrag-artig das klingen mag…, sicherheit in sich trägt, gibt es unter umständen eine ähnliche grundierung der weltsicht. wer sich verstanden fühlt von mindestens einem sehr nahen menschen, kommt viel leichter mit den widersprüchlichkeiten der restlichen welt klar und kann sich optimal über die eigene verwunderung, enttäuschung oder bezauberung angesichts alltäglicher erlebnisse in der welt austauschen, im zweifelsfall aber wieder zurückkehren unter die kuscheldecke.

ich habe eine leise ahnung davon, daß diese symbiotische form der beziehung gar nicht mal selbstverständlich ist. ich weiß, daß es im verhassten und in dieser speziellen offensichtlichkeit geradezu erbärmlichen mainstream mehr oder weniger üblich ist, zunächst die rahmenbedingungen eines solchen modells zu schaffen und durch gesellschaftlich relevante und erwünschte entsprechungen zu füllen und zu manifestieren: also das ganze trainingsprogramm von gemeinsamer wohnung, eheschließung, steuererklärung und familienplanung. eigentlich eine simulation von dem idealisierten, was ich gerade versucht habe zu beschreiben, form vor inhalt.

in meiner letzter beziehung war all das nie thema, auch nicht als, bevor oder nachdem ich weg von ihr, nach berlin gezogen bin.

die beziehung begann mit der “liebe auf den ersten blick”.
wer das abtut als flavour der konsumgesellschaft, die illusionen zwecks vermehrung der steuerzahler verkauft, ist auf dem holzweg. denn ich kann trotz intensiver reflektion nicht feststellen, welche vorprogrammierten, durchschaubaren automatismen da gewirkt hätten.
wir sahen uns und es war klar, daß wir uns in bestimmten ansätzen sogar ähnlich sind. es fielen also bestimmte schwierigkeiten oder die aussicht darauf im voraus ab, z.b. daß da immer eine barriere bleiben würde, die jede form der gemeinsamkeit irgendwie gekünstelt wirken lässt.

die wenigen fotos, die von ihr existieren, denn sie hasste die photographische selbstdarstellung, waren u.a. passfotos, die sie sichtlich widerwillig in irgendeinem automaten gemacht hat.
ich war wenig später ebenfalls zu einer solchen anfertigung verpflichtet.
die ergebnisse waren verblüffend: unabhängig voneinander zogen wir auch in etwa dieselbe schnute, trugen beide tendentiell ausgeleierte h&m-strickpullis und hatten unfrisierte schwarze haare aufm kopf. bei ihr bedingt durch die länge tendentiell scheitelartig, bei mir eher in die fresse hängend.

sie bereicherte mich. denn obwohl wir uns ähnlich waren, waren wir natürlich nicht identisch. sie hatte ihren eigenen weg beschritten, der ein mittelweg gewesen ist, zwischen der eigentlichen feindschaft gegenüber der erwartungshaltung, die von verschiedenen stellen an sie herangetragen wurde, den folgen, die ihre verweigerung und verletzung für ihren status hatte und der existenz einer sehr eigenen identität, die für sie nebulös wirkte, für das gegenüber aber oft faszinierend.
ihre verweigerung ging so weit, daß sie eigentlich gänzlich damit aufgehört hatte, ansprüche an ihren ausdruck zu stellen. eindeutig vorhandene fähigkeiten und ambitionen boykottierte sie. wenige überbleibsel in form von bildern und experimentellen fotoaufnahmen waren in ihrer wohnung vorhanden, aber eher verschämt platziert.
sie hatte ihre roots in harter musik, das ging über hardcore-kram bis zu death metal.
zu so was hatte ich nie einen bezug, für mich waren die nine inch nails die außengrenze. damals hatte ich noch nicht verstanden, daß nin vielleicht tatsächlich die außengrenze sind für erträgliche musik, die irgendwie ernst und authentisch gemeint ist, aber auch sehr pathetisch und selbstmitleidig, daß aber death metal und co. ja mehr technik, splatter und gitarren-gabba als versuche einer tagebuchartigen erzählung von der akuten privaten und anklagenden seelenpein sind.

durch meine freundin habe ich jedenfalls selbst zu “napalm death” einen liebevollen bezug gefunden, genauso wie sie später selbst so schwülstigen kram wie “film school” hörte.

sie interessierte sich für surrealistische künstler wie alfred kubin und las bücher ohne ende. genau wie ich hatte sie die gymnasiale oberstufe aus verschiedenen gründen abgebrochen. ihre bücherregale überstiegen aber jeden leistungskurs. eine komplette bibliothek der philosophie, inklusive angeblichen wichsern wie heidegger, nietzsche, aber auch allen coolen kandidaten und kiloschweren kompendien.
wann immer ich eine frage hatte, konnte ich mich an sie wenden. sie wußte auch besser bescheid über adorno und so, ich geb’s zu.

mit anderen worten: sie war toll.

und wir waren acht jahre zusammen. und wir haben einander viel bedeutet. und es war manchmal schwierig. und wir hatten uns zwischendrin auch mal getrennt, für ein dreiviertel jahr etwa.
auch damals fühlte ich mich unerträglich nackig.
ich konnte keine aggression gegen sie richten, sie anklagen wegen der abhängigkeit, die sie mir eingebrockt hat. denn dieses machtverhältnis gab es nicht.

in wahrheit sind die übergänge fließend und die meisten menschen kennen das auch: beste freunde, beste freundinnen, feste freunde, feste freundinnen. beste freunde, romantische liebe. stammt alles aus dem gleichen wolkenkuckucksheim der tiefen verbundenheit.

an allem zweifeln

zurück bin ich nun auf dem boden der tatsachen. ausgesetzt auch den tatsachen der mehrheit. und das, was ich da hatte, war zwar toll, aber es war auch von außen betrachtet strange, oder ?
diese symbiotische aufeinanderbezogenheit.

die meisten menschen erzählen mir von beziehungen, die wesentlich komplizierter sind, sich viel weniger “selbstverständlich” anfühlen, geprägt sind von paranoia oder einfach sehr kurzlebig.
das ist wohl auch einfach der aggregatzustand von menschen, die als individuen mit anderen individuen in kontakt kommen. im urbanen leben und so, im …schnüff… kalten kapitalismus und so. da wird das gegenüber abgecheckt, wahrscheinlichkeitsrechnungen werden erhoben, da spielt bei der partnerwahl teilweise die berechnung eine viel größere rolle als so etwas verkitschtes wie das schicksal oder so was irrationales wie die wollust.

in dieser disziplin der checkerei bin ich etwas unbedarft.
beziehungen hatte ich … laut meiner erinnerung … etwa sechs oder so. wobei ich davon rückblickend höchstens drei ernst nehmen würde. die allererste beziehung (1 jahr) zähle ich nicht mal dazu. eher dann eine sehr kurze, die dazu noch mit 2 anderen überlappte und aus der beinahe ein kind hervorging. vor allem aber eben die 2, die 3 1/2 bzw. 8 jahre andauerten.
diese beiden sind das, von dem ich ausgehe, daß ich es so nie wieder erleben werde.

da ich jetzt etwa 30 bin und meine ex-freundin auch nicht viel jünger, ist davon auszugehen, daß gene, evolutionäre bestimmung, gesellschaftlicher druck oder normalerweise in diesem alter langsam eintretende etablierung dazu führen dürften, daß einer von uns beiden – statistisch oder so – innerhalb der nächsten fünf jahre kinder zeugt oder gebährt, mindestens aber mit einem partner zusammenzieht.
wenn ich eine prophezeiung gegenüber meiner ex loslassen müsste, hätte ich schwierigkeiten, denn egal wie alt sie wird, vorstellen kann ich mir das kaum.

ihre botschaft an mich ist heute, es geht mich nichts an. emails beantwortet sie nicht, das telefon hebt sie nicht ab. sie behandelt mich also wie einen verbrecher, perversen oder stalker, nicht wie einen menschen, mit dem sie vor ca.10 wochen noch alles teilte. dabei haben wir uns nicht mal in so was wie streit getrennt. wir hatten beide geheult. am telefon.

ganz am ende unserer beziehung, die fernbeziehung lief schon ein 3/4 jahr, kam ich auf die bescheuerte idee, dafür zu werben, unsere beziehung zu öffnen. diese war ja bisher monogam.
sie sah das aber ganz anders und überraschend endgültig dafür daß ich ihre erste liebe nach ein paar dutzend affären gewesen bin: nämlich daß es kein sexuelles interesse an anderen menschen gäbe, solange da tatsächlich liebe für einen bestimmten, besonderen menschen vorhanden ist. vielleicht hat sie recht, vielleicht fehlt mir der glaube.
ich habe in einem jahr berlin jedenfalls erlebt, daß ich menschen kennenlernen konnte, die mich hätten bezaubern können.
ich habe nie an ficken gedacht oder auf brüste gestarrt. ich glaube auch gar nicht, daß es wandelnde entindividualisierte objekte gibt, die sich auf solche gedanken reduzieren lassen. aber bezauberung von anderen menschen? natürlich! ich kann mich sehr schnell verlieben. aber dahinter steckt kein konkretes verlangen. weder sexuell noch beziehungsplanerisch. ich bin nur schnell zu beeindrucken durch menschen, das ist alles.
möglich und wahrscheinlich aber, daß sie genau das bereits als zurückweisung und weiteres anzeichen einer sich langsam auflösenden beziehung verstanden hat.
sie war aber diejenige, die die beziehung letztlich gelöst hat und ich fand mich daraufhin wieder in einer verhärteten version meines berlin-aufenthalts.

ich hatte 2007 den entschluss gefasst, hierher zu ziehen, ohne einen konkreten anlaß zu haben. es wartete also – in müntefering-termini – weder ausbildungs- noch studienplatz auf mich.
ich hatte die vorstellung, daß es in berlin nicht unbedingt einfacher, aber vielleicht weniger spektakulär ist, zur not auch finanzielle hilfe zum lebensunterhalt zu beziehen, bis sich die dinge geklärt haben.
und ungefähr so ist es ja auch. was ich von anfang an in berlin sehr cool fand ist die erfüllung des klischees, daß am prenzlberg oder in fhain viele selbsternannte (lebens)künstlerInnen wohnen, die von ihrer kunst alleine nicht leben können und somit ergänzende unterstützung benötigen.
das gab mir von anfang an das gefühl, näher am zentrum der deutschen realität angekommen zu sein, die nirgendswo sonst mehr die notwendigkeit eines “bedingungslosen grundeinkommens”, jedenfalls der von arbeit, “fleiß” & unterwerfung unabhängigen grundsicherung für jeden menschen, deutlich macht.
bevor meine pläne, nach berlin umzuziehen, reiften, war ich noch twen. für mich war klar, nicht in frankfurt 30 werden zu wollen. ich war so durch mit dieser scheißstadt.
mehr als ein jahrzehnt lang hatte ich versucht, in dieser stadt links zu sein oder zu bleiben.

von berlin hatte ich mir versprochen, daß diese engen definitionskriterien, geprägt durch alberne traditionalismen und ständige zugeständnisse an den konsens mit der friedensbewegten mehrheitsgesellschaft, dort ein ende haben würden. das war natürlich quatsch, aber immerhin sind in berlin in mehr oder weniger voneinander unbeeindruckter koexistenz diverse lager vorhanden. sowohl unter linken und ex-linken, als auch unter rechten und naziwichsern, die ganze stadtteile dominieren.

es war klar, daß meine ex-freundin nicht mitkommen würde. warum auch? das war ein egotrip.
mit frankfurt hatte sie nicht so die probleme. die “politik” hatte sie längst aufgegeben und ich bewundere sie immer noch für diese aufrichtige distanz zu all der albernen hysterie.
natürlich war sie politisch und natürlich war sie auch voll straight, in vielen punkten ohne mein zutun sowieso meiner meinung, insbesondere dann, wenn es um pessimismus, skepsis, ideologiefeindlichkeit, einem hauch misanthropie und antideutschtum ging. auch sie hatte ein “jungle world”-abo und fand die “konkret” häufig doof. die “bahamas” allerdings auch.
“unser” antideutschtum, dessen gemeinsamkeiten wir festgestellt, aber nicht vorher irgendwo abgelesen hatten, bestand u.a. daraus, daß wir auch aus eigenen erfahrungen, u.a. während unserer aktiven zeit bei “[`solid]-die sozialistische jugend” (pds-jugendverband) und vor allem aus den erlebnissen auf aktionen und demos verschiedener art immer wieder erlebt haben, wie beschissen, lächerlich, kontraproduktiv, germanozentrisch und primitiv antiamerikanisch, sowie auch allgemein beschränkt die parolen und ziele von selbsternannten “sozialisten”, “internationalisten”, “friedensbewegten”, “globalisierungskritikern”, “linksrückern” und auch einigen antifas und so called “kommunisten” (das waren dann aber eher so sdaj/dkp-kandidaten) gewesen sind.
ich denke, wir gehen beide bis heute und auch weiterhin davon aus, daß mit dieser deutschen linken keine “revolution” zu machen ist. und wenn, dann gilt es eher sie zu verhindern.

aber zurück zum thema. ich sitze nun also in berlin. die beziehung ist weg.
was macht also ein verlassener solomensch in berlin ?
was macht ein liebeskranker? in der regel wird er sich winden, einschließen, eine identitätskrise bekommen und ähnliches. ja, das habe ich auch alles gehabt oder habe es noch.

die gefühle nach einer trennung durchlaufen ja angeblich klassische phasen.
ich denke, ich habe inzwischen alle durch.
aber so richtig lust hatte ich nicht, mich auf diesen “natürlichen” ablauf einzulassen.
ich hatte die logische wahl zwischen verzweiflung und grübelzwang und der initiative, der offensive ins nichts.
ich hab mich dann erstmal für letzteres entschieden. ich wollte herausfinden, was ein berliner solomensch denn machen kann, um die einsamkeit niederzubattlen.

erst später habe ich festgestellt, daß es auch bei studi-vz eine gruppe gibt, die heißt “single in berlin sein ist scheiße”. die haben auch ein cooles foto:

aber es muß da doch noch diverse andere möglichkeiten für die schnelle abhilfe geben….



23 Sep 2008, 1:37
by me.


comment:

aktuell / muskote / meine:
ein wenig leidenschaft befluegelt den geist,
zu viel loescht ihn aus.
(stendahl)

23 Sep 2008, 19:51
by dissi


comment:

da haste glück. mein neues pack schreibt bloß:

“es ist das unvergleichliche vorrecht des dichters, dass er nach lust und laune ein anderer sein kann” (charles baudelaire)

wie elitär.

comment:

[…] Sex in the City. 1. Pathos und Magie Sex in the City. 2. Virtueller Sex-Kapitalismus […]

24 Sep 2008, 17:55
by Doc Holliday


comment:

Hallo dissi,
Vorrede bzw. Lesehinweis zu meinem Kommentar:
>> Das gute an möglicherweise paternalistischen Ratschlägen ist, das man sie ggf. einfach ignorieren kann.<<

“ihre botschaft an mich ist heute, es geht mich nichts an. emails beantwortet sie nicht, das telefon hebt sie nicht ab. sie behandelt mich also wie einen verbrecher, perversen oder stalker, nicht wie einen menschen, mit dem sie vor ca.10 wochen noch alles teilte.”

Das gehört vermutlich einfach zu ihrer Bewältigungs-Strategie. So lächerlich es klingen mag: Ich würde versuchen, das nicht persönlich zu nehmen.
Oder anders ausgedrückt: Ich glaube nicht, daß du die Schuld dafür bei dir suchen solltest.

Ansonsten, – in Bezug (auch) auf die anderen Artikel- kann ich dir nur dazu raten, dich von normativen Vorstellungen z.B. aus den Reihen der Olifani-Gang so wenig wie irgend möglich beeindrucken zu lassen. Unglaublich, was da abgelaufen ist!

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