dissi in israel (3)

day two

extremer szenenwechsel.
multikultiparanoia in deutschland – das sind luxusneurosen. “parallelgesellschaften” gibt es in israel etliche.
ein beispiel sind die beduinen. in erstaunlicher kultureller homogenie ein volk wie aus dem katalog, denn äußerst resistent gegen gegenwart.
wer von “völkern” und “kulturen” spricht, kann sich leicht verhaspeln und sich bald darauf im wunderland der klischees, idealisierungen oder ressentiments wiederfinden.
aber natürlich gibt es gesellschaften, kollektive, die unter einer glocke leben.
im mittelpunkt des spannendsten punktes dieses tages geht es aber auch um mut zum widerstand gegen althergebrachte machtverhältnisse und traditionsberauschte stagnation.

wir besuchten sabha abu ranem in dem garten ihres hauses in rahat.
die situation war in vieler hinsicht atemberaubend.
einerseits der culture clash. die skepsis und das befremden einiger betagterer herrschaften. die zögerliche annäherung an das exotisch anmutende büffet. die ungewohnte form der nahrungsaufnahme im sitzen auf samtigem, von dutzendweise kissen gespickten boden unter von planen verdecktem freien himmel mit blick auf das verwildernde nachbargrundstück eines seit längerem unvollendeten häuserbaus.
andererseits die extreme präsenz dieser frau, die im laufe des nachmittags auch zu einer ausufernden erzählung ihres lebens ansetzte, dabei mehrfach über ihre eigene erzählung lachte und doch nicht wirklich alles loswerden konnte, was sie den ihrerseits womöglich exotisch wirkenden gästen in ihrem garten erzählen wollte.

abu ranem ist die gründerin und vorsitzende der “association of women rahat”. ein angebot, so niedrigschwellig improvisiert wie bitter nötig in der steinzeitlich chauvinistischen geschlechterhierachie der islamisch geprägten beduinenwelt.

die beduinen, ursprünglich nomaden, die zwischen ägypten und dem heutigen israel hin- und herzutingeln pflegten, sind araber und leben sowohl in ägypten, in gaza, in der westbank, als auch in israel selbst. dort besitzen sie zwar die israelische staatsangehörigkeit, sind aber nicht wirklich in die gesellschaft integriert.
für gewöhnlich bilden mehrere beduinen ein temporäres lager, besetzen quasi wie bauwagenleute illegal einen platz rund um die negev-wüste, es entstehen kleine siedlungen, die nach einer weile wieder aufgegeben oder von israelischen behörden geräumt werden.
wenn eine siedlung länger besteht, erheben sie als israelische staatsbürger ihren anspruch auf die nötige versorgung mit wasser und strom.

der israelische staat versuchte das quasi zu professionalisieren und rief 6-7 offizielle siedlungen, einige davon lassen sich heute als stadt oder dorf bezeichnen, ins leben, die finanziell gefördert und infrastrukturell angebunden werden. dennoch ziehen es 70% der beduinen vor, sich außerhalb dieser gemachten betten niederzulassen. mit dem konzept stadt können oder wollen viele nichts anfangen.

es gibt dennoch einige beduinen, die heute als studenten an den universitäten von tel aviv und beer sheba immatrikuliert sind oder bei der i.d.f. den umstand genießen, ein regelmäßiges einkommen und eine ausbildung in anspruch nehmen zu können. diese einzelnen jedoch genießen kein ansehen innerhalb der ehemals ewigen bezugsgruppe. die entscheidung, sich gewissermaßen zu etablieren, ist somit für viele zwangsläufig auch eine entscheidung gegen den beduinen-style und die community.

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durch die presse gegangen ist dr. yunes abu rabia (oben links). er ist der der erste beduinische arzt israels.
auch er war im garten von abu ranem zugegen und schilderte aus seiner sicht die situation.

50% der beduinen seien demnach jünger als 14 jahre. es herrsche die dritthöchste geburtenrate der welt, hinter den spitzenreitern gaza und indien.

der mediziner abu rabia zählte auf, welche zivilisationskrankheiten die beduinen erst in den letzten jahrzehnten aufweisen würden. übergewicht, herzkrankheiten, psychiatrische diagnosen – all das und noch viel mehr habe es früher nicht gegeben.
vor dem hintergrund dieser statistisch eventuell nicht falschen, aber doch arg antimodern klingenden behauptung, klang es um so befremdlicher, daß er sich eine “lösung” des “problems” zwischen beduinen und israelis erst für den zeitpunkt versprach, zu dem der israelisch-palästinensische konflikt beigelegt sei.
auf meine frage, ob er denn bei einer hypothetischen zweistaatenlösung ein leben in dem palästinensischen staat einem in israel bevorzugen würde, winkte er aber energisch ab.
die freiheiten, die die beduinen spätestens seit der weitgehenden zusicherung sämtlicher bürgerrechte im jahr 1965 genießen, würde er keinesfalls aufgeben wollen.

rahattrio
das rahat-trio von links nach rechts: claudia korenke, organisatorin der reise / d.i.g. frankfurt, dr. yunes abu rabia, sabha abu ranem

diese freiheiten hat sich abu ranem aus ihrer welt heraus, als junge beduinin mit einem dutzend geschwistern, die den falschen mann liebte und einen anderen heiraten mußte, erkämpfen müssen. ohne anleitung, auch ohne ein konkretes vorbild.
sie tat das, ohne sich aus ihrem umfeld vollständig in unsere welt zu verabschieden.
sie lernte das schneidern, obwohl die berufliche tätigkeit einer beduinin nicht gerade üblich war. sie begann ein studium, sie gebahr wiederum ihrerseits ein halbes dutzend kinder, um die sie sich – frauensache – kümmerte und sie ernährte durch ihre tätigkeit auch ihre mutter mit, die als ehrenwürdiges oberhaupt der sippe bis heute bei sabha wohnt.

mutter
fotografiert von susette wahren

einer ihrer söhne tritt in die fußstapfen von abu rabia. er wird voraussichtlich den ersten doktortitel in die familie abu ranem bringen.
heute kümmert sich sabha zudem um frauen in rahat und umgebung, die sonst kaum einen ansprechpartner haben, solange gewalt, vergewaltigung und die traditionelle entrechtung der ehefrauen entweder tabu oder selbstverständlichkeit sind. mit sabha abu ranem haben sie zudem ein reales, in der nachbarschaft wohnendes vorbild. ein echter leuchtturm der emanzipation, obgleich sie vermutlich niemals mit begriffen wie “feminismus” hantieren würde.

mit sabha fuhr der bus mit konservativen deutschen dann noch ein stück durch die ca. 80.000 einwohner zählende beduinenstadt rahat, die assoziationen zu den palästinensischen gebieten weckt.

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auf dem weg erklärte sabha noch einige nicht unwesentliche umstände, etwa die existenz einer umfassenden krankenversicherung für alle bürger israels, zu denen die beduinen zählen. die monetären zuwendungen an familien in rahat haben sich bis vor kurzem an der anzahl der kinder orientiert, was angesichts der geburtenraten ein wenig kontraproduktiv erscheint.
laut sabah sei die hauptbeschäftigung der frauen das kinderkriegen gewesen. heute sei es allerdings nicht mehr ohne weiteres möglich, vom kindergeld allein zu leben.
die bereitschaft, arbeiten zu gehen, sei bei rahats frauen gestiegen, nur würden frauen in der dorfgemeinschaft selten eingestellt.

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der arbeitgeber (auf dem foto mitte rechts), der beim letzten halt in rahat vorgestellt wird, kann sich allerdings damit rühmen, daß er frauen beschäftigt. allerdings kommt auf nachfrage heraus, daß es sich lediglich um saisonkräfte handelt, etwa zum valentinstag. während des rests des jahres ist die zucht der aus rahat nach holland, israel und einige arabische länder zu exportierenden rosen männersache.

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das ende des tages 2:

es war schon dunkel, als die gruppe im kibbuz “mashabei sade” eintraf. die hotelfunktion ist auf dutzende bungalows verteilt. im dunkeln ist es einfach, sich auf dem weitläufigen gelände zu verlaufen.
es liegt südlich von beer scheba und rahat: in der wüste negev, ist dafür aber erstaunlich grün.

am nächsten morgen erinnert mich die ansammlung von kleinen häuschen an die wohnstätten der “dharma initiative” in “lost“.

msadeh2

msadeh1



comment:

[…] betreten!“ Etwas großspurig, weil ich zuvor ja schon die Beduinen – nachzulesen bei dissy unter http://kotzboy.com/?p=2758 – als auch die Schwarzen Hebrärer –  nachzulesen weiter unten in meinem Blog- unbeschadet […]

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