mit dem backstage-pass gegen die intifada

ursprünglich veröffentlicht auf withteeth.de / howtodestroyangels.de
(edited 13.09.: links endlich korrigiert)

nine inch nails in frankfurt, 04.04.2007

ich hatte also einen doppel-joker in der hand. theoretisch. gewonnen bei dem meet&greet-gewinnspiel des universal newsletters und privilegiert als mitglied des elitären nin-fanclubs mit der theoretischen extra-chance auf soundcheck, autogrammstunde oder anderen nettigkeiten.
das war dann im grunde auch zuviel des guten, denn in der praxis etwas kompliziert. ich war somit der besitzer von 2 karten plus je 1x begleitung und konnte keine einzige der karten in eine normale umtauschen, um sie einer unbeteiligten person ohne ticket zu überlassen.
also hatte ich via spiral-tix frühen eintritt, um mir dann nach 19h außerhalb der halle noch meine meet&greet-gelegenheit abzuholen.
meine freundin war krank, kurz vor fiebrigem zusammenbruch und so verzichtete sie gerne und ich nahm eine etwas fittere nin-fanatikerin aus der spiral mit zum großen treffen.

es ist unnötig zu erwähnen, wie nervös ich war. weiblichen fans – und ja, davon hat der über 40jährige trent reznor noch sehr sehr viele – mag man das ja abnehmen, das schlottern, die kalten hände und das zähneklappern. aber mir?
immerhin hatte ich mir eine politische mission vorgenommen. als der vielleicht (fast) einzige anwesende unter 5000 besuchern in der jahrhunderthalle bin ich kein fan von palitüchern und noch weniger von popstars, die das symbol der unterdrückung, gewalt und der gefolgschaft hinter patriachaler, religiös-nationalistischer, im grunde klerikalfaschistisch-antisemitischer „befreiuungskämpfer“ in ihren videoclips zur schau stellen. ich da überempfindliches würstchen hatte auch tatsächlich den eindruck, auf dem konzert überdurchschnittlich viele, vom meister womöglich direkt inspirierte palituchträger (die meisten jünger als 20) sehen zu müssen. jedenfalls wollte ich herrn reznor da meine bedenken schildern, eigentlich ein englischsprachiges buch zu dem nicht enden wollenden zwang zur verteidigungshaltung israels mitbringen.
[oder wie es endi formulierte, für 55 dollar spiral-gebühr dem trent auch mal die meinung sagen können]


jedenfalls denke ich: ja, so eine politische mission hat mir zusätzliches gewicht auf die schultern gelegt. also mehr zu tun als nur hände zu schütteln, autogramm zu kriegen und in bewunderung des großen vorbilds dahinzuschmelzen und so.

das leben eine realsatire ?
außerdem liebe ich die realsatire. ich finde dass der großteil des lebens eine realsatire ist. da sie real ist, ist sie für die handelnden nicht immer lustig, aber zahlreiche situationen können genauso grenzwertig sein wie eine inszenierung.
zu gerne hätte ich daher unser zusammentreffen hinter der kulisse auch durch meine begleitung filmen lassen wollen. im borat-style herrn reznor auffordern wollen, einen satz wie „i like israel“, „jihad is for jackasses“ oder „don’t believe the mullah“ abzulesen. aber filmen und fotografieren war ja nicht erlaubt.

handsoffbutt.jpg

das buch war auch nicht lieferbar, also hatte ich nur einen kleinen „hands off israel“-anstecker, den ich ihm – kaum bei zurechnungsfähigem bewußtsein und in einer mischung von politischem aktivismus und strangem humor, den außer mir keiner versteht – überreichen konnte mit den halb ernsten, halb eben realsatirischen worten „would you stop the intifada shit ?“.
aber moment. der reihe nach:

im laufhaus des schmierfetts
eine gruppe von insgesamt 8 auserwählten gewinnerInnen (offensichtlich verschiedener gewinnspielquellen) wurden in den weißen, schlauchigen backstage-gang geführt, der in diesem fall der frankfurter jahrhunderthalle wirklich nicht glamourös aussah.
unser blick fiel auf transparente plastikbehältnisse mit weißlichen substanzen, die meine begleitung als kreideähnliches makeup-schmierfett aus alten nin-zeiten zu identifizieren glaubte.
amüsant auch die beschilderung. jeder der räume nebeneinander hatte außen ein abstehendes schild mit einer kurzen inhaltsbeschreibung.
unter dem eindruck, in dem irgendwie aufregendsten, aber vermutlich verhängnisvollsten laufhaus der welt angekommen zu sein, konnte ich auch einen raum mit der beschriftung „ladytron“ erblicken, deren damen im türrahmen standen und sich später auch noch an den dumm aufgeregten germans vorbei den weg zur gemeinschaftstoilette erdrängeln mussten.
ich hätte gerne irgendwas aufmuterndes zur vorband gesagt, aber mir fiel nichts ein.

dann gab es noch einen raum mit dem schild „incubus“ und aus diesem kam die band in wohlüberlegter reihenfolge zum händeschütteln. die vorhut bestand aus jeordie white, alessandro cortini und aaron north, gefolgt von josh freese und schließlich reznor.
die fans waren der reihe nach an der wand positioniert und so mussten die musiker nur die reihe ablaufen und die auf die zahl 1 pro person limitierten items signieren.
alle samt sehr frisch, lächelnd, offenbar bereits gestylt, makellos und freundlich.
ich bin kein mädchen, aber ich könnte hier auch schwärmen. nicht weil mich das sexuell erregt hätte1, sondern weil die schon nett und allürenfrei wirkten. positiv fiel mir durch zufall dann besonders aaron auf, der bei mir, dem ende der schlange angekommen war, als reznor noch festgelabert war. da hab ich die beidseitige verlegenheit und sprachlosigkeit überbrückt und mit ihm schon mal über trents palituch gesprochen, dabei die ein paar meter entfernten tourmanager beobachtet, ob deren gesichter bei wörtern wie „hamas“, „israel“, „intifada shit“ nicht automatisch entgleisen müssten, als ein wenig off-topic für diese routineveranstaltung.
aber aaron wusste nicht so recht, was es mit dem schal auf sich hat, außer dass der trent den wohl im video trug. er selbst ist aber nich so drin im thema. nein, er trägt auch keine schals. das war sowieso trent’s idee. er habe nix damit zu tun.
ansonsten: wie von allen lob für mein autolux-shirt und… lächeln.

would you stop the intifada shit ?
und dann reznor. wie später auf der bühne – perfektioniert. perfektioniert auch im umgang mit den fans. eher kurz angebunden, aber freundlich, denn es ist „nice to meet you“.
ich stelle also meine unerwartete frage. er versteht nicht ganz: „the…what?“. ich erkläre ihm was von “palestinian headscarf” und „survivalism“ und so, versuche eine frage daraus zu formulieren und lege ihm dabei leider die naheliegende antwort bereits in den mund, nämlich ob das als politisches statement oder nur als popkulturelle referenz auf „linke“ subkultur verstanden werden soll.
natürlich soll das als popkulturelle referenz auf „linke“ subkultur verstanden werden, denn es handle sich ja bei dem „year zero“-konzept um ein stück fiktion, das in der zukunft spielt, mit (entkontextualisierten?) versatzstücken aus der gegenwart.
meine anschließende laberattacke, dass die menschen in israel nämlich bestimmt auch ganz nett seien, war zwar reichlich überflüssig, aber immerhin räumt er daraufhin ein, dass die band dort noch nie aufgetreten sei aus „some reason“. stimmt. depeche mode schon2.
jo, das war’s dann auch. in der zwischenzeit bekritzelte auch er die „with teeth“-cd, die ich im auftrag zum signieren mitgebracht hatte:

zu ladytron kamen wir rechtzeitig raus, so richtig viel mitbekommen hab ich trotzdem nicht. war aber nicht schlecht. leider hatte ich noch vergessen, eine mysteriöse weiße, unbeschriftete cd auf der männertoilette zu verstecken3, das hab ich dann erst nach dem nin-konzert nachgeholt. da ist zwar nix von nine inch nails drauf, aber spannend ist der content trotzdem. ;)

ja, nine inch nails!
die jahrhunderthalle hat auf mich wider erwarten einen guten eindruck gemacht. sah auf den ersten blick zwar etwas arg gelackt aus, aber weder war der sound sehr schlecht noch die sicht behindert. das konzert war nicht ganz ausverkauft, aber der innenraum war dennoch voll gefüllt mit einem – von oben betrachtet – gut gelaunten publikum.
meine freundin war – und ist – ja extrem krank und so haben wir uns auf die “spiral”-reservierten sitzplätze verzogen. allerdings hab ich es da nur im ersten drittel ausgehalten. ein paar aufnahmen sind aus jener entfernung gefilmt, später wechselte ich in den innenraum und ließ meine freundin hustend und prustend auf dem balkon im stich, was sie aber angeblich okay fand.

das konzert war saugeil. perfektioniert, routiniert, aber nicht steril. alle bandmitglieder wirkten auf mich tendentiell gut gelaunt bis eben auf herrn reznor gegen ende, wo er „hurt“ nach publikumsgeprolle abbrach und anschließend bei den abschluss-gassenhauern „hand that feeds“ und „head like a hole“ sich weigerte, den refrain zu singen, was das publikum übernahm.
setlist-mäßig gab es keine großen überraschungen im vergleich zu den direkt vorangegangenen, abgesehen von der relativen rarität „we’re in this together“, dort auch spektakulär das live-outro, das zusammen mit „help me, i’m in hell“ einen der beiden progrockmomente sozusagen darstellte. auch wenn ich damit sicher gefühle verletze, ich finde „only“ on tape geil, aber „only“ live so dümmlich wie einen karnevalshit. ein „fragile“-instrumental, „the day the world went away“ oder „the line begins the blur“, „the wretched“, „the becoming“ oder „home“ wäre eher nach meinem geschmack gewesen.
aber das war sie halt wirklich, die inoffizielle, da nicht so genannte „greatest hits“-tour, die vielleicht aus angst vor dem danach erst mal noch ein paar runden weiter geht, mit eher spärlich gesäätem neuem material, für dessen live-umsetzung reznor laut eigener aussage auch noch kein schlüssiges gesamtkonzept hat, obwohl es dann doch – ersten höreindrücken nach zu urteilen – weniger verzwacktes songwriting aufweist, als man hätte vermuten können.

ich hätte aber mehr als ein konzert dieses jahr besuchen sollen. und ich nehme mir vor, zu dem konzert in tel aviv zu fliegen, das vermutlich niemals stattfinden wird, um dort dann nach möglichkeit nicht von einer horde mordlüsterner palituchträger überfallen bzw. in den garten allahs gebombt zu werden.

p.s.:

das neue album ist bereits in filesharing-börsen erhältlich, ist aber auch legal anzuhören. richtig weggeblasen hat es mich bis jetzt nicht.
das album klingt saugut – also die layers, die knarzenden beats, das noisy elektrogequietsche. aber ich bin mir noch nicht sicher, ob ich zufrieden bin, mit dem, was darunter liegt. textlich isses ja teilweise etwas schwach, hanebüchen, semi-politisches posing.

p.p.s:
die “nine inch nails” spielten ihr erstes und bislang einziges konzert in israel ende 2007 [anmerkung 2018].


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  1. nein, ich bin auch nicht homophob, dass ich das ständig unterstreiche – ich war nur den gesamten abend umgeben von monströs hysterischen damen jeden alters []
  2. erfuhr ich von jemandem bei planet olifani []
  3. nicht wegen ostern, sondern siehe hier []

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